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Psychische Gesundheit & Krisenbewältigung7. Juli 201210 Minuten Lesezeit

Mein Kind ritzt sich – was kann ich tun?

Du hast entdeckt, dass dein Kind sich selbst verletzt, und fühlst dich hilflos. Warum Jugendliche ritzen, wie du im ersten Moment reagierst, was dein Kind jetzt braucht und wann du sofort Hilfe holen solltest.

Du hast es gesehen. Schnitte am Unterarm, vielleicht am Oberschenkel, ein Pflaster, das nicht zu einer Erklärung passt. Oder du hast eine Klinge gefunden. Und jetzt ist alles gleichzeitig da: Schock, Angst, Hilflosigkeit, vielleicht Wut, ganz sicher Schuldgefühle.

Das alles ist normal. Und es ist gut, dass du nach Antworten suchst. Selbstverletzung ist selten eine Provokation. Meist steckt dahinter eine Belastung, für die dein Kind gerade keinen anderen Weg findet.

Du bist mit dieser Sorge nicht allein

Ritzen ist häufiger, als die meisten Eltern denken. In einer großen europäischen Schulstudie mit über 12.000 Jugendlichen im Durchschnittsalter von 15 Jahren hatte sich mehr als ein Viertel schon einmal selbst verletzt. Die meisten nur gelegentlich, knapp acht Prozent wiederholt. Deutschland lag dabei im oberen Bereich (Brunner et al., 2014). Die deutschsprachigen Fachgesellschaften gehen in ihrer Leitlinie von einer ähnlichen Größenordnung aus (Plener et al., 2017).

Das macht es nicht harmlos. Aber es heißt: Dein Kind ist nicht „kaputt", und du hast nicht als Mutter oder Vater versagt.

Was hinter dem Ritzen steckt

Die meisten Jugendlichen, die sich verletzen, tun es, um mit Gefühlen fertigzuwerden, die sonst nicht auszuhalten wären. Eine Übersichtsarbeit über viele Studien zeigte, dass rund zwei Drittel bis vier Fünftel der Betroffenen sich aus inneren Gründen verletzen, meist um ihre Gefühle zu regulieren (Taylor et al., 2018). Neben dem Abbau von Anspannung ist in der Forschung auch die Selbstbestrafung gut belegt. Etwas schwächer belegt, aber regelmäßig beschrieben ist der Wunsch, aus einem Zustand innerer Taubheit herauszukommen (Klonsky, 2007).

Einfach gesagt: Ein Gefühl, das innen nicht auszuhalten ist, sucht sich einen Weg nach außen, und der führt über den Körper. Der Schmerz auf der Haut ist greifbarer als innerer Schmerz.

Auslöser sind häufig Belastungen in Beziehungen. Eine europäische Langzeitstudie fand, dass belastende Ereignisse in Familie und Freundeskreis den Beginn von Selbstverletzung im Folgejahr vorhersagten, bei Mädchen wie bei Jungen (Kaess et al., 2020). Das ist kein Vorwurf an dich. Es zeigt nur, wie sehr Jugendliche auf das reagieren, was um sie herum passiert.

Auch in meiner Erfahrung stehen drei Motive im Vordergrund, dazu kommen weitere Gründe. Oft mischen sie sich.

Druck abbauen

Alles wird zu viel, und man hält es nicht mehr aus. Da ist Stress, es gibt Druck in Beziehungen, und man hat das Gefühl, dass von einem zu viel erwartet wird und man allem gerecht werden muss. Die Verletzung lässt den Druck für einen Moment ab. Eine Jugendliche beschrieb mir das einmal sinngemäß so:

„Am Tag staut sich alles in mir auf. Wenn ich mich abends ritze, fließt mit dem Blut der Druck heraus. Dann fühle ich mich ruhiger."

Für dich heißt das: Entlastung hilft mehr als Kontrolle. Schau gemeinsam mit deinem Kind, woher der Druck kommt, und was sich davon im Alltag leichter machen lässt.

Sich selbst bestrafen

Manche Jugendliche verletzen sich, weil sie meinen, eine Strafe verdient zu haben, für etwas, das sie falsch gemacht haben. Sie haben schlechte Noten, sind nicht die Freundin oder der Freund, die oder der sie sein möchten, oder haben das Gefühl, als Sohn oder Tochter zu versagen. Sie haben in der Schule nicht die Leistung erbracht, die sie von sich selbst erwarten oder von der sie glauben, dass andere sie erwarten. Manchmal werden sie auch schnell aggressiv gegenüber den Eltern oder anderen und bestrafen sich dafür, weil sie es wieder nicht geschafft haben, Wut, Trauer oder Angst im Griff zu haben. Schuld und Scham richten sich dann gegen den eigenen Körper.

Für dich heißt das: Kein zusätzlicher Leistungsdruck. Hilfreicher ist die Botschaft, dass eine schlechte Note oder ein Streit nichts daran ändert, dass du zu deinem Kind stehst.

Sich überhaupt spüren

Andere Jugendliche fühlen sich innerlich leer oder fast tot, manchmal wie hinter Glas. Sie brauchen den Beweis, dass sie noch leben und überhaupt etwas fühlen. Die Verletzung gibt ihnen diesen Beweis, manchmal durch den Schmerz, manchmal durch die Wärme des Blutes oder durch den Anblick des Blutes selbst.

Für dich heißt das: Nimm diese Taubheit ernst, auch wenn dein Kind nach außen ruhig wirkt. Frag nach, wie es sich innen anfühlt, nicht nur nach den Wunden. Innere Leere gehört fachlich abgeklärt.

Weitere Gründe

Nicht alles lässt sich in diese drei Motive einordnen. Selten gibt es noch andere Gründe, und die sind von Kind zu Kind verschieden.

Manche Jugendliche finden es schön, so wie ein Tattoo, das die Eltern verboten haben. Für andere ist es Entspannung, ähnlich wie bei einer Meditation, oder der Schmerz fühlt sich angenehm an. Wieder andere fasziniert es, etwa wenn das Blut über den Arm läuft.

Ist das nur für Aufmerksamkeit?

Diese Vermutung hören Eltern oft, und sie führt in die Irre. In meiner Erfahrung verletzen sich Jugendliche meist heimlich. Sie verbergen die Wunden, tragen lange Ärmel und schämen sich. Das passt nicht zu einem Verhalten, das andere beeindrucken soll.

Manche zeigen es später doch, weil sie zeigen wollen, wie sehr sie leiden. Dass sie dabei auch gesehen werden wollen, wird oft negativ bewertet. Ich sehe es anders: Sie suchen Beziehung und wissen oft nicht, wie sie darum bitten können. Das wirkt manchmal unbeholfen. Das Bedürfnis dahinter ist aber ein gesundes, nämlich nicht allein zu sein mit dem, was innen los ist.

Das Problem ist also größer als ein Wunsch nach Aufmerksamkeit. Wer das Ritzen als Aufmerksamkeitsverhalten abtut, übersieht, was das Kind eigentlich braucht: jemanden, der hinschaut und bleibt.

Die erste Reaktion

Der Moment, in dem du es entdeckst oder dein Kind es dir erzählt, ist wichtig. Du musst ihn nicht perfekt machen. Aber einiges hilft, anderes schadet.

Ruhig bleiben, so gut es geht

Dein Kind braucht jetzt nicht noch mehr Aufregung, sondern Halt. Wenn du merkst, dass du in Panik gerätst, darfst du sagen: „Ich muss das kurz sacken lassen. Ich komme gleich wieder zu dir." Und dann wirklich wiederkommen.

Keine Vorwürfe, keine Drohungen

Sätze wie „Wie kannst du mir das antun?" oder „Wenn du das noch mal machst, dann …" erhöhen die Scham und damit den Druck, der zum Ritzen geführt hat. Auch ein erzwungenes Versprechen, es nie wieder zu tun, hilft selten. Es führt eher dazu, dass dein Kind es besser versteckt.

Die Wunden versorgen lassen

Frag sachlich, ob die Wunden versorgt sind, und hilf dabei. Bei tiefen oder klaffenden Schnitten, starker Blutung oder Anzeichen einer Entzündung gehört dein Kind in ärztliche Hände oder in die Notaufnahme.

Interesse an dem, was dahinter liegt

Nicht „Hör auf damit!", sondern: „Ich möchte verstehen, wie es dir geht." Offene Fragen helfen: „Magst du mir erzählen, was dich gerade beschäftigt?" Wenn dein Kind nicht reden will, bleibt die Botschaft: „Ich bin da, wenn du bereit bist."

Manche Kinder antworten mit „Ich weiß nicht" oder „Will ich nicht sagen". Andere sitzen einfach stumm da. Das ist nicht persönlich gemeint, und es richtet sich nicht gegen dich als Mutter oder Vater.

Ich rate dann, „Warum"-Fragen zu meiden. Frag lieber danach, was passiert ist: „Wann hattest du das Gefühl, dass du dich ritzen möchtest? Und was war da los?" Solche Fragen sind viel einfacher zu beantworten. Ihr könnt auch gemeinsam den Tag durchgehen, der Reihe nach. Das hilft beim Verstehen. Die Gründe zeigen sich dabei oft von selbst, oder ihr erkundet sie zusammen. Und nebenbei schafft das Beziehung.

Das Thema Suizid ansprechen

Selbstverletzung ist meist kein Suizidversuch. Das Suizidrisiko ist trotzdem erhöht (Spohrs et al., 2024), aber nicht, weil das Ritzen dazu führt. Nach meiner Erfahrung steckt hinter beidem oft dieselbe Belastung.

Darum ist schon dein Interesse an dem, was in deinem Kind vorgeht, Suizidprävention. Genauso, dass du da bist und in Beziehung bleibst.

Zeigt sich im Gespräch, dass mehr dahinterstecken könnte, etwa weil dein Kind nicht mehr leben möchte, findest du im Artikel „Ich hasse mein Leben", wie du darüber sprechen kannst.

Was dein Kind jetzt braucht

Ritzen hört selten von heute auf morgen auf. Wichtiger als das sofortige Stoppen ist, dass dein Kind andere Wege findet, mit dem Druck umzugehen, und dass es sich dabei nicht allein fühlt.

Manche Jugendliche finden es hilfreich, sich direkt vor dem Ritzen bewusst zu fragen:

  • Was fühle ich gerade?
  • Warum fühle ich mich so?
  • Wie war es beim letzten Mal? Hat das Ritzen mir wirklich länger geholfen?
  • Gibt es eine andere Möglichkeit, damit umzugehen?

Solche Fragen schaffen einen kleinen Abstand zwischen Drang und Handlung. In diesem Abstand kann Platz für etwas anderes entstehen.

Andere Wege, die Jugendlichen helfen können:

  • Kreativer Ausdruck: Malen, Schreiben oder Musik machen Gefühle sichtbar, ohne dass man sie gleich erklären muss.
  • Bewegung und Natur: Viele Jugendliche reden leichter, wenn sie dabei gehen.
  • Eine Vertrauensperson außerhalb der Familie: Wenn dein Kind mit dir nicht reden mag, ist das keine Niederlage. Eine Tante, ein Trainer, eine Schulpsychologin, ein Psychologe oder eine Psychotherapeutin können eine Brücke sein.

Fachliche Abklärung

Selbstverletzung sollte immer fachlich angeschaut werden, auch wenn sie „nur" gelegentlich vorkommt. Gute erste Anlaufstellen sind die Kinderarzt- oder Hausarztpraxis und die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dringend wird es, wenn:

  • das Ritzen häufiger oder tiefer wird,
  • dein Kind über Suizidgedanken spricht,
  • dein Kind von innerer Leere oder Taubheit erzählt,
  • gleichzeitig starke Ängste, depressive Stimmung oder ein deutlicher Rückzug auffallen.

Viele Jugendliche bekommen zu spät oder gar keine Unterstützung. In einer europäischen Studie hatten über 80 Prozent der Jugendlichen mit Suizidgedanken auch ein Jahr später keine professionelle Hilfe erhalten (Kaess et al., 2021). Es lohnt sich also, dranzubleiben.

Wenn dein Kind jede Hilfe ablehnt, kannst du trotzdem anfangen. Wie, beschreibe ich im Artikel Mein Kind will nicht zum Psychologen. Weitere Artikel, die dir helfen können: Depression bei Jugendlichen erkennen und „Ich hasse mein Leben".

Auch du brauchst Halt

Eltern, deren Kind sich verletzt, tragen viel: Angst, Schuldgefühle, manchmal Scham vor anderen. Und gleichzeitig sollen sie ruhig und verlässlich sein. Das geht nur, wenn auch du einen Ort hast, an dem du all das loswerden kannst.

Eltern melden sich bei mir aus Deutschland und Österreich, wenn sie vertraulich Unterstützung suchen. Im Online-Gespräch schauen wir gemeinsam auf eure Situation und finden nächste Schritte, die im Alltag umsetzbar sind. In akuten Notlagen ersetzt das nicht den Notruf oder die Notaufnahme. Wie du gut für dich sorgst, ohne dein Kind loszulassen, beschreibe ich in Zwischen Sorge und Loslassen.

Wege aus der Krise

Ritzen ist ein Zeichen für inneren Schmerz. Manchmal baut es Druck ab, manchmal bestraft sich dein Kind damit, manchmal will es sich überhaupt wieder spüren. Oft steckt dahinter der Wunsch nach Beziehung, nur weiß dein Kind nicht, wie es darum bitten kann. Dein Kind braucht keine Strafe, sondern jemanden, der hinschaut, aushält und nicht wegläuft. Gespräche, neue Strategien und fachliche Begleitung können dabei helfen.

Du musst das nicht allein schaffen.


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