Vielleicht gehörst du zu den Eltern, die nicht mehr dauernd in Machtkämpfen hängen wollen und nach neuen Wegen suchen. Strenger werden hilft dabei oft nicht, nachgeben auch nicht. Und allein damit zu bleiben, macht es meist noch schwerer.
Die Neue Autorität nach dem israelischen Psychologen Haim Omer ist so ein Weg. Ihr Kern ist einfach: nicht kontrollieren, sondern da sein, dranbleiben und dir andere an die Seite holen. Hier erfährst du, was dahintersteckt, welche sieben Säulen dazugehören und wobei der Ansatz heute besonders hilft.
Da sein statt kontrollieren
Früher hieß Autorität oft: Die Eltern bestimmen, das Kind gehorcht, und wer nicht gehorcht, wird bestraft. Bei Jugendlichen funktioniert das kaum noch, und viele Eltern wollen es auch nicht mehr. Alles hinnehmen wollen sie aber auch nicht.
Omer hat seine Idee aus dem gewaltlosen Widerstand übernommen, wie ihn Gandhi vorgelebt hat. Im deutschsprachigen Raum hat er sie zusammen mit dem Psychologen Arist von Schlippe bekannt gemacht, in Büchern wie „Autorität durch Beziehung“ und „Stärke statt Macht“. Dahinter steht ein einfacher Gedanke: Du kannst dein Kind nicht kontrollieren. Du kannst aber bestimmen, wie du dich selbst verhältst. Und du kannst da sein, so deutlich, dass dein Kind dich nicht übersehen kann.
Der Ansatz hilft Eltern bei vielen Formen von schwierigem Verhalten, bis hin zu Gewalt gegen die Eltern. Inzwischen wird er weit über die Familie hinaus genutzt, etwa mit Pflegeeltern, Lehrkräften und in Schulen (Omer & Lebowitz, 2016).
Die sieben Säulen
Das Institut für Neue Autorität in Linz fasst den Ansatz in sieben Säulen zusammen.
1. Präsenz und wachsame Sorge. Du bist da, und dein Kind merkt das. Du interessierst dich dafür, wo es ist, mit wem und wie es ihm geht. Nicht als Überwachung, sondern weil du die Verantwortung für eure Beziehung übernimmst. Siehst du Alarmzeichen, handelst du.
2. Selbstkontrolle und Eskalationsvorbeugung. Über dein Kind hast du keine Kontrolle, über dich selbst schon. Du musst nicht sofort reagieren. Omer hat dafür einen Leitsatz: „Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist“ (Omer et al., 2008). Du kannst also sagen: „Das war nicht in Ordnung. Nach dem Abendessen reden wir darüber.“ Wichtig ist, dass du den Zeitpunkt dann auch einhältst. Du musst den Streit nicht gewinnen, nur dranbleiben. Und wenn du doch laut geworden bist, kannst du dich später entschuldigen.
3. Unterstützung und Bündnisse. Du holst dir Menschen dazu: den anderen Elternteil, Großeltern, Freunde, andere Eltern, die Schule. Stell dir vor, deine Schwester ruft deinen Sohn an und sagt: „Ich habe gehört, was letzte Woche war. Ich mag dich, und das war nicht in Ordnung.“ Dann merkt er, dass es nicht nur um einen Streit mit dir geht.
4. Protest und gewaltloser Widerstand. Du sagst klar, was du nicht mehr hinnimmst, ohne zu drohen oder zu strafen. Eine bekannte Form ist das Sit-in: Du setzt dich ruhig ins Zimmer deines Kindes, sagst, was so nicht weitergeht, und bleibst einfach da.
5. Versöhnung und Beziehung. Neben dem Widerstand stehen kleine Gesten: sein Lieblingsessen, eine Einladung auf ein Eis, ein freundlicher Satz am Abend. Nicht als Belohnung, sondern einfach so. Sie sagen deinem Kind: Ich bin gegen das, was du tust. Nicht gegen dich.
6. Transparenz. Du machst kein Geheimnis daraus, was zuhause passiert und was du vorhast. Das fällt schwer, weil oft Scham dabei ist. Aber erst so können andere dich unterstützen.
7. Wiedergutmachung. Statt Strafe geht es darum, dass dein Kind etwas wieder in Ordnung bringt, wenn es jemandem geschadet hat. So übernimmt es Verantwortung und gehört trotzdem weiter dazu.
Aus meiner Arbeit an Schulen
Die ersten Fortbildungen zur Neuen Autorität hatte ich schon in der Schulpsychologie. Später habe ich im Rahmen des Beratungszentrums der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz an österreichischen Schulen damit gearbeitet. Im Einzelfall habe ich auch Eltern dazu beraten.
Besonders inspiriert hat mich „Stärke statt Macht“, weil das Buch viele praktische Ideen enthält. Für mich geht es bei diesem Ansatz vor allem darum, die Rolle als Eltern anzunehmen. Eltern leiten die Familie, nicht als Chef, sondern im Sinne von Leadership: Sie geben ihrem Kind Richtung und begleiten es, statt es zu kontrollieren. Ob du Mutter oder Vater bist, spielt dabei keine Rolle.
Ein guter Zwischenweg
Präsenz und gewaltloser Widerstand klingen vielleicht nach Standhalten. Bei der Präsenz geht es aber gerade um Beziehung. Für mich ist die Neue Autorität ein guter Zwischenweg: Sie öffnet einen neuen Zugang zu deinem Kind, und von dort aus kann die Beziehung tiefer gehen.
Heute arbeite ich oft individueller. Ich schaue, was das Verhalten eines Kindes oder Jugendlichen darüber zeigt, wie es ihm innerlich geht. Und ich bereite Eltern darauf vor, auf das zu reagieren, was in ihrem Kind los ist. Überholt ist die Neue Autorität deshalb nicht. Sie hilft besonders dabei, die eigene Rolle zu finden und in der Beziehung selbst stabiler zu werden. Fühlst du dich ohnmächtig, kommst du damit ins Handeln zurück. Du stehst wieder da und kannst sagen: „Ich bin hier, ich halte das aus.“
Auch die Forschung spricht dafür. In einer Studie mit 73 Eltern fühlten sich diejenigen, die nach diesem Ansatz begleitet wurden, danach weniger hilflos und besser unterstützt, und sie gerieten seltener in eskalierende Streits (Weinblatt & Omer, 2008). Eine französische Studie mit 82 Eltern hat ein Gruppenprogramm nach Omer mit üblicher unterstützender Beratung verglichen. Nach vier Monaten schnitt es nicht besser ab. Nach acht Monaten war der Stress der Eltern aber niedriger als am Anfang (Fongaro et al., 2023). Eine Haltung ändert sich eben langsam.
Neue Autorität in Österreich
In Österreich ist die Neue Autorität bis heute vor allem in Schulen und in der Fortbildung verbreitet. Das Institut für Neue Autorität in Linz gibt es seit 2011. Es begleitet auch Eltern. Die Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems führt einen Hochschullehrgang Neue Autorität für Lehrkräfte, ab Herbst 2026 auch in St. Pölten. Das Beratungszentrum der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz begleitet Schulen laut seinem Programm für 2025/26 weiterhin dabei, auf dieser Grundlage ein eigenes Konzept zu entwickeln.
Die Beziehung trägt
Am Ende geht es bei der Neuen Autorität weniger ums Erziehen als um die Beziehung. Dein Kind soll nicht gehorchen. Es soll spüren, dass du da bist, dass du nicht zurückschlägst und dass du nicht gehst. Gerade dann, wenn es dich am heftigsten wegstößt.
Du musst dafür nicht perfekt sein, und du musst es nicht allein schaffen. Es reicht, wenn du immer wieder zurückkommst.
Wer begleitet Eltern von Jugendlichen?
Du erreichst mich jederzeit per E-Mail an hallo@trailto.life.



