Es ging um das Handy, um die Uhrzeit oder um gar nichts. Ein Wort gibt das andere, dein Sohn wird laut, du auch. Dann stößt er dich gegen den Türrahmen. Oder er schlägt zu. Oder seine Faust geht knapp an dir vorbei in die Wand.
Danach ist es still. Er sitzt in seinem Zimmer, du in der Küche, und deine Hände zittern. Erzählen wirst du davon wahrscheinlich niemandem.
Vielleicht ist er inzwischen größer als du. Vielleicht passiert das nicht zum ersten Mal. Und vielleicht hast du dir schon gedacht: Wie kann mein eigenes Kind mir das antun?
Wo Streit aufhört
Streit gehört in der Pubertät dazu. Jugendliche werden laut, knallen Türen, sagen Dinge, die sie später nicht so gemeint haben. Das ist anstrengend, aber es ist Teil davon, sich von den Eltern zu lösen.
Gewalt ist etwas anderes: schlagen, stoßen, treten, Dinge zerstören, drohen. Und ein sehr deutliches Zeichen bist du selbst.
Hast du Angst vor deinem eigenen Kind, ist es mehr als Streit.
Wie häufig Gewalt von Kindern gegen ihre Eltern ist, lässt sich schwer sagen. Studien messen sehr unterschiedlich, und viele Familien sprechen nicht darüber. Auch zum Geschlecht sind die Ergebnisse uneinheitlich, das zeigt eine große Übersichtsarbeit mit 145 Arbeiten. In manchen Studien werden Jungen häufiger gewalttätig, in anderen zeigt sich kein deutlicher Unterschied (Rogers & Ashworth, 2024).
Eine spanische Studie fand, dass Jungen, die auch außerhalb der Familie aggressiv waren, häufiger körperlich wurden, vor allem gegenüber dem Vater. Mädchen aus dieser Gruppe setzten der Mutter eher mit Worten und Kontrolle zu (Navas-Martínez & Cano-Lozano, 2023). Jungen sind also nicht von Natur aus gewalttätig. Eskaliert es aber, wird es bei manchen eher körperlich.
Was hinter der Wut steckt
In der Pubertät wächst der Körper schnell. Plötzlich ist da Kraft, die vorher nicht da war, und Gefühle, die viel größer sind als die Worte dafür. Manche Jungen lernen früh, dass Angst, Traurigkeit oder Scham nicht gezeigt werden sollen. Wut ist dann manchmal das einzige Gefühl, das nach außen darf.
Dahinter steckt häufig etwas anderes. Scham, weil in der Schule etwas schiefgeht. Ohnmacht, weil er sich nicht durchsetzen kann, bei Freunden, bei Lehrern, bei dir. Kränkung, Druck, das Gefühl, nicht zu genügen. Zuhause bricht das manchmal heraus, vielleicht auch, weil es der Ort ist, an dem er sich am sichersten fühlt.
Ein häufiger Risikofaktor ist Gewalt, die es in der Familie schon gab, zwischen den Erwachsenen oder gegen die Kinder (Rogers & Ashworth, 2024). Das schreibe ich nicht, um dir Schuld zu geben. Aber wenn es bei euch so war oder ist, gehört auch das mit auf den Tisch.
Verstehen heißt nicht entschuldigen. Gewalt ist nicht in Ordnung, auch wenn sie einen Grund hat. Es hilft aber, in deinem Sohn nicht nur den Angreifer zu sehen.
Angst vor dem eigenen Kind
Was das mit dir macht, ist schwer zu beschreiben. Da ist Angst, manchmal schon beim Schlüssel in der Tür. Da ist Scham: Wie kann mein Kind so mit mir umgehen? Was habe ich falsch gemacht? Da ist Wut, manchmal auch der Wunsch, zurückzuschlagen. Und da ist Trauer um den kleinen Jungen, der er einmal war.
Du kannst deinen Sohn lieben und gleichzeitig Angst vor ihm haben. Das ist kein Widerspruch. Und du musst dich nicht verurteilen für die Momente, in denen du selbst laut geworden bist.
Viele Eltern schweigen lange. Schuldgefühle, Scham und Hoffnungslosigkeit gehören zu den häufigsten Gründen, warum sie sich keine Hilfe holen (Rogers & Ashworth, 2024). Leichter wird es durch das Schweigen aber selten.
Eine eigenartige Ruhe
Ich habe mit Eltern gearbeitet, die plötzlich ruhig wurden, als ihr Kind sie nicht mehr schlagen konnte. Weil es verletzt war, krank, oder weil sich aus einem anderen Grund etwas verändert hatte.
Als Helfer fühlt sich das ganz eigenartig an. Ein Kind ist verletzt, und die Eltern werden innerlich ruhig. Es muss so viel passiert sein, dass man sich das als Helfer oft gar nicht vorstellen kann. Wenn Eltern sich aber öffnen und beschreiben, wie es bei ihnen zuhause war, ist es ganz leicht zu verstehen.
Kennst du so etwas von dir, sagt das nichts darüber, wie sehr du dein Kind liebst. Es sagt etwas darüber, wie lange du schon in Angst lebst.
Sicherheit geht vor
Kippt eine Situation, ist dein einziger Auftrag, dich und andere zu schützen. Geh aus dem Raum, notfalls aus der Wohnung. Bring jüngere Geschwister in Sicherheit. Du musst in diesem Moment nichts klären und nichts gewinnen.
Bei akuter Gefahr wählst du den Notruf 112. Das ist kein Verrat an deinem Sohn. Es schützt auch ihn davor, etwas zu tun, das er nicht mehr rückgängig machen kann. Brauchst du danach jemanden zum Reden, findest du die Nummern für Deutschland, Österreich und Schweden oben im Kasten am Anfang dieses Artikels.
Stehen bleiben, ohne zurückzuschlagen
Der israelische Psychologe Haim Omer hat mit Eltern gearbeitet, deren Kinder gewalttätig wurden. Daraus ist der Ansatz der Neuen Autorität entstanden. Eltern stellen sich der Gewalt entgegen, ohne selbst laut, drohend oder gewalttätig zu werden. Dazu gehört, Eskalation zu vermeiden, Unterstützung von außen zu holen und dem Kind mit Respekt zu begegnen (Omer & Lebowitz, 2016). Die Forschung dazu ist ermutigend, aber noch nicht eindeutig.
Ein Gedanke daraus hilft vielen Eltern: Das Eisen schmieden, solange es kalt ist. Mitten im Streit erreichst du deinen Sohn nicht. Später, wenn alle ruhig sind, kannst du sagen, was passiert ist und dass du das nicht hinnimmst. Kurz, klar, ohne Vortrag. Und du kannst fragen, was vorher in ihm los war. Was ihn so wütend gemacht hat, weißt du oft nicht, und es ist wichtig, dabei nicht zu sehr von dir selbst auszugehen.
Ein zweiter Gedanke: Brich das Schweigen. Erzähl Menschen, denen du vertraust, was bei euch passiert. Großeltern, Freunde, vielleicht jemand, den dein Sohn respektiert. Omer beschreibt, dass Gewalt oft vom Geheimhalten lebt (Omer & Lebowitz, 2016). Wissen andere Bescheid, bist du nicht mehr allein damit.
Unterstützung von außen kann auch heißen, dass du selbst mit jemandem sprichst, ohne deinen Sohn. Will er nicht zu einem Psychologen, fängt es eben bei dir an. Meine Erfahrung ist, dass sich oft schon viel bewegt, wenn sich bei den Eltern etwas verändert.
Er braucht dich noch
Dein Sohn ist vielleicht größer und stärker als du. Trotzdem braucht er Erwachsene, die stärker sind als seine Wut. Nicht mit Fäusten und nicht mit Strafen, sondern indem sie bleiben, Nein sagen und ihn nicht aufgeben.
Ich versuche bei solchen Dingen meistens, mit beiden Seiten zu arbeiten. Kinder wollen ja oft gar nicht ihre Eltern schlagen. Oft ist in der Beziehung etwas kaputt, und die Gewalt ist das, was davon nach außen dringt.
Hinter der Faust steckt dann ein Junge, der nicht weiß, wohin mit sich. Er sieht es heute vielleicht nicht. Aber es macht einen Unterschied, dass du geblieben bist, ohne zurückzuschlagen.
Wer begleitet Eltern in schwierigen Phasen?
Du erreichst mich jederzeit per E-Mail an hallo@trailto.life.



