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Illustration: Aufgebrachter Jugendlicher mit Smartphone konfrontiert hilflose Eltern auf dem Sofa im Wohnzimmer

Mein Kind hat ADHS – sagt TikTok

10 Minuten Lesezeit24. Februar 2026
Immer mehr Jugendliche diagnostizieren sich selbst über TikTok. Was steckt hinter dem Trend, wie gehst du als Elternteil damit um – und wann ist professionelle Abklärung sinnvoll?

Ein 16-jähriges Mädchen kam zu mir ins Erstgespräch. Sie hatte auf TikTok Videos über Borderline gesehen und war überzeugt: Das bin ich. Jetzt wollte sie die Diagnose, um die richtige Unterstützung zu bekommen. „Es passt einfach alles auf mich."

Sie erzählte von intensiven Gefühlen, von Streit mit der besten Freundin, von Momenten, in denen sie sich leer fühlte. „In den Videos beschreiben die das genau so", sagte sie. Und ja – ihre Worte klangen vertraut. Nicht weil sie Borderline hatte, sondern weil vieles davon zum Erwachsenwerden dazugehört. Aber ihr Leidensdruck war echt. Und dass sie einen Namen dafür suchte, war absolut nachvollziehbar.

Falls du gerade in einer ähnlichen Situation bist – dein Kind kommt mit einer Selbstdiagnose aus dem Internet nach Hause – dann bist du hier richtig. Schreib mir gerne

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Warum Jugendliche sich über TikTok selbst diagnostizieren

Was diese junge Klientin erlebt hat, ist kein Einzelfall. Es ist ein Phänomen, das ich in der Klinik als auch in meiner Praxis immer häufiger sehe – und das durch Forschung bestätigt wird.

Laut einer repräsentativen Erhebung des Pew Research Center (2025) nutzt etwa ein Drittel der US-amerikanischen Jugendlichen Social Media als Informationsquelle für psychische Gesundheit. TikTok spielt dabei die zentrale Rolle: Der Hashtag #ADHD hatte laut einer Studie im Canadian Journal of Psychiatry bereits im Juli 2021 über 4 Milliarden Aufrufe – seitdem ist diese Zahl weiter massiv gewachsen. In Deutschland gaben 40 % der Befragten im Deutschland-Barometer Depression 2025 an, allein in der vergangenen Woche mindestens einen Social-Media-Post zum Thema Depression gesehen zu haben.

Das Problematische daran: Eine Studie im Canadian Journal of Psychiatry (Yeung et al., 2022) untersuchte die 100 meistgesehenen TikTok-Videos zu ADHS und stellte fest, dass über die Hälfte irreführende Aussagen enthielt. Nur 21 % wurden als hilfreich eingestuft. Von den 100 analysierten Videos stammten 89 von Laien – und diese luden auch die große Mehrheit der irreführenden Inhalte hoch. Eine aktuelle Studie der Universität Groningen (De Vries et al., 2025) bestätigte: 55 % der in TikTok-Videos beschriebenen angeblichen ADHS-Symptome stimmten nicht mit den klinischen Diagnosekriterien (DSM-5) überein. Stattdessen werden alltägliche Erfahrungen – wie Vergesslichkeit, Schwierigkeiten beim Aufräumen oder ständige Müdigkeit – als sichere Anzeichen einer Störung dargestellt.

Dazu kommt der Algorithmus: Sucht ein Jugendlicher einmal nach „ADHS" oder „Trauma", bekommt er immer mehr solcher Inhalte vorgeschlagen. Es entsteht eine Echokammer (Foster & Ellis, 2024), die den Eindruck verstärkt, man leide tatsächlich an der betreffenden Störung. Laut einer Erhebung des EdWeek Research Center (2024) haben 55 % der US-amerikanischen Highschool-Schüler schon mindestens einmal versucht, sich über Social Media selbst zu diagnostizieren. 65 % der befragten Lehrkräfte berichten, dass Jugendliche in ihren Klassen Diagnosen nennen, die sie aus TikTok und Co. haben. Das zeigt: Es geht längst nicht mehr um Einzelfälle.

„Ich glaube, ich habe ADHS"

Ein anderes Beispiel aus meiner Praxis: Ein 12-Jähriger kam zu mir, weil er überzeugt war, ADHS zu haben. Er hatte auf TikTok Videos gesehen und sich in vielen Beschreibungen wiedererkannt.

„Ich kann mich nie konzentrieren", sagte er. „Ich verliere ständig Sachen. Und manchmal rede ich einfach drauflos, ohne nachzudenken."

Ich hörte zu und fragte nach. Ja, er hatte Schwierigkeiten, sich im Unterricht zu konzentrieren – besonders in Fächern, die ihn langweilten. Ja, er vergaß regelmäßig seine Sachen. Und ja, er sagte manchmal impulsiv Dinge, die er bereute.

All das klingt im ersten Moment nach ADHS. Aber Konzentrationsschwierigkeiten bei langweiligen Aufgaben, Vergesslichkeit und gelegentliche Impulsivität gehören zu den häufigsten Eigenschaften in der Pubertät – sie sind kein automatischer Hinweis auf eine Störung. Die Soziologin Laura Wiesböck bringt es in ihrem Buch Digitale Diagnosen (Zsolnay, 2025) auf den Punkt: Die angeblichen Kriterien in TikTok-Videos sind oft so allgemein formuliert, dass sich fast alle irgendwo wiederfinden. Gerade bei ADHS und Autismus werden in Clips Eigenschaften genannt – wie Verträumtheit, Abneigung gegen Smalltalk oder Loyalität – die laut einer PLOS-ONE-Studie (Karasavva et al., 2025) auf viele Persönlichkeiten passen und keineswegs diagnostisch sind.

Das heißt nicht, dass sein Erleben unwichtig wäre. Im Gegenteil: Dass er Worte für seine Schwierigkeiten suchte, zeigt, dass ihn etwas belastet. Aber die Worte, die TikTok ihm angeboten hat, waren in diesem Fall nicht die richtigen.

Was du als Elternteil tun kannst

Wenn dein Kind mit einer Selbstdiagnose aus dem Internet nach Hause kommt, stehst du vielleicht vor einem inneren Konflikt: Ernst nehmen oder abtun? Die Antwort liegt dazwischen – und beginnt immer mit Zuhören.

Zuhören und ernst nehmen

Der wichtigste erste Schritt: Nimm dein Kind ernst. Auch wenn du innerlich denkst „Das hat es doch nur von TikTok" – dein Kind hat einen Grund, warum es sich in diesen Beschreibungen wiedererkennt. Hinter der Selbstdiagnose steckt immer ein echtes Problem, das dein Kind lösen möchte. Vielleicht fühlt es sich anders als andere, hat Schwierigkeiten in der Schule oder leidet unter Stimmungsschwankungen.

Frag nach: Was genau hast du gesehen? Was davon passt auf dich? Seit wann fühlst du dich so? Diese Fragen zeigen Interesse und helfen dir gleichzeitig einzuschätzen, wie groß der Leidensdruck wirklich ist.

Das eigentliche Anliegen verstehen – bevor du über TikTok sprichst

Auch wenn die Selbstdiagnose nicht zutrifft: Dein Kind hat ein Thema, das es beschäftigt. Vielleicht ist es nicht ADHS, aber vielleicht Überforderung, Einsamkeit oder Unsicherheit.

Wichtig dabei: Die TikTok-Diagnose kann für dein Kind auch ein Beweis sein – ein Beweis dafür, dass es ihm wirklich schlecht geht. Wenn du zu früh sagst „Das stimmt doch gar nicht, das hast du nur von TikTok", nimmst du ihm genau diesen Beweis weg. Und damit das Gefühl, gehört zu werden.

Deshalb: Erst verstehen, dann einordnen. Wenn dein Kind spürt, dass du sein Leiden ernst nimmst und ihr die Probleme gemeinsam angehen werdet, kann es sich leichter von der TikTok-Diagnose lösen – weil es sie nicht mehr als Schutzschild braucht.

Gemeinsam verstehen, wie TikTok funktioniert

Erst wenn dein Kind sich verstanden fühlt, ist der richtige Moment, um gemeinsam über TikTok zu sprechen. Nicht als Verbot oder Vorwurf, sondern als gemeinsame Entdeckungsreise:

  • Wer postet das eigentlich? Die meisten Psycho-Videos auf TikTok kommen von Laien, nicht von Fachleuten. In einer Studie stammten 89 von 100 der meistgesehenen ADHS-Videos von Menschen ohne fachliche Ausbildung.

  • Warum passt das auf so viele? Die „Symptome" in diesen Videos sind oft bewusst so allgemein formuliert, dass sich fast jeder wiedererkennt. Das ist kein Zufall – es bringt Klicks und Reichweite.

  • Wie funktioniert der Algorithmus? Wenn du ein Video über ADHS anschaust, zeigt dir TikTok immer mehr davon. So entsteht schnell der Eindruck, überall sei ADHS – und man selbst habe es auch.

Professionelle Abklärung in Betracht ziehen

Wenn du den Eindruck hast, dass dein Kind wirklich leidet – unabhängig davon, ob die TikTok-Diagnose stimmt oder nicht – dann ist der Weg zu einer professionellen Einschätzung sinnvoll. Nicht um die Selbstdiagnose zu widerlegen, sondern um gemeinsam herauszufinden, was wirklich los ist und wie man helfen kann. Falls dein Kind sich gegen professionelle Unterstützung sträubt, findest du in meinem Artikel Mein Kind will nicht zum Psychologen konkrete Tipps dazu.

Der Unterschied zwischen TikTok und einer professionellen Einschätzung

TikTok-Videos zeigen Ausschnitte. Sie sind kurz, emotional und suggestiv. Eine professionelle Einschätzung schaut dagegen auf das ganze Bild – die Lebensgeschichte, den Alltag, die Beziehungen, den Verlauf über Wochen und Monate. Und manchmal zeigt sich dabei etwas ganz anderes als erwartet.

Wenn die Diagnose nicht stimmt

Erinnerst du dich an die 16-Jährige vom Anfang, die glaubte, Borderline zu haben? In unseren Gesprächen zeigte sich ein anderes Bild. Ja, sie hatte intensive Gefühle und starke Stimmungsschwankungen. Aber diese traten nicht willkürlich auf – sie standen immer in Zusammenhang mit konkreten Situationen: Streit mit der besten Freundin, Druck in der Schule, das Gefühl, von den Eltern nicht verstanden zu werden.

Ihre Aggression, die sie für ein Borderline-Symptom hielt, war jedes Mal begründet – eine nachvollziehbare Reaktion auf belastende Situationen. Was sich stattdessen zeigte: eine Depression und eine Sozialphobie, die sie im Schulalltag stark einschränkte. Mit dieser Einschätzung konnten wir gezielt an den Themen arbeiten, die sie wirklich belasteten – statt an einer Diagnose, die gar nicht zu ihr passte.

Wenn sich der Verdacht lohnt, genauer hinzuschauen

Der 12-Jährige mit der ADHS-Vermutung erzählte mir im Laufe unserer Gespräche noch mehr. Ja, einige seiner Schwierigkeiten – wie die Konzentrationsprobleme bei langweiligen Aufgaben – treffen auf viele Menschen zu und passen nicht zwingend zu ADHS. Aber es kamen auch andere Dinge ans Licht: Er hatte seit der Grundschule Schwierigkeiten, Aufgaben zu Ende zu bringen – auch wenn er sie freiwillig begonnen hatte. Selbst bei Dingen, die ihm Spaß machten, brach er nach kurzer Zeit ab. Und seine Eltern erinnerten sich, dass schon in der Grundschule ähnliche Rückmeldungen von Lehrern kamen.

Nicht alles passte zu ADHS – aber genug, um dem Ganzen weiter auf den Grund zu gehen. Wir entschieden gemeinsam, eine ausführlichere Abklärung einzuleiten. Nicht weil TikTok recht hatte, sondern weil ein genauer Blick von außen zeigen konnte, was hinter seinen Schwierigkeiten steckt.

TikTok-Selbstdiagnose: Das Wichtigste für Eltern

Die TikTok-Selbstdiagnose ist weder grundsätzlich schlecht noch grundsätzlich richtig. Sie zeigt vor allem eines: Dein Kind beschäftigt sich mit sich selbst und sucht nach Antworten. Das ist eigentlich eine gute Nachricht – und ein Zeichen dafür, dass es sich verstehen möchte.

Gleichzeitig kann ein TikTok-Video keine professionelle Einschätzung ersetzen. Die Diagnosekriterien für psychische Störungen sind komplex, und viele Symptome überschneiden sich oder können ganz andere Ursachen haben.

Was du als Elternteil tun kannst:

  • Zuhören und ernst nehmen, was dein Kind dir sagt – auch wenn du skeptisch bist
  • Offen darüber sprechen, wie TikTok-Inhalte entstehen und warum sie so überzeugend wirken
  • Gemeinsam nach verlässlichen Quellen suchen, wenn ein Thema euch beschäftigt
  • Professionelle Unterstützung holen, wenn der Leidensdruck real ist – unabhängig davon, ob die TikTok-Diagnose stimmt. Mehr dazu: So können Eltern die ganze Familie unterstützen

Wenn du unsicher bist, wie du mit der Situation umgehen sollst: Genau dafür bin ich da. In meiner Beratung begleite ich sowohl Eltern als auch Jugendliche – ob es um eine Einordnung geht, um die eigentlichen Themen dahinter oder um den nächsten sinnvollen Schritt.


Wer begleitet Jugendliche und Eltern?


Du erreichst mich jederzeit per E-Mail an hallo@trailto.life oder über das Kontaktformular. Das Erstgespräch ist unverbindlich.

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