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Trail to Life· mit Martin
Kind von hinten, barfuß am Strand, schaut auf das bewegte Meer

Psychische Gesundheit & Krisenbewältigung2. Dezember 202111 Minuten Lesezeit

Mein Kind will nicht zum Psychologen

Dein Kind will nicht zum Psychologen? Oft steckt Angst dahinter, manchmal sind es schlechte Erfahrungen oder Schulstress. Wie du ohne Druck darauf eingehen kannst und warum der erste Schritt auch ohne dein Kind gelingt.

Etwas höre ich häufig am Telefon oder lese es in ersten Nachrichten, meist nach einer kurzen Schilderung des eigentlichen Problems: Die Tochter oder der Sohn will nicht zum Psychologen.

Oft steckt Angst dahinter, manchmal sind es schlechte Erfahrungen, Schulstress oder das Gefühl, gar kein Problem zu haben. Was jeweils dahinterstecken kann, wie du auf die Bedürfnisse deines Kindes eingehen kannst und welche anderen Wege es gibt, beschreibe ich hier.

Angst

Angst ist oft das Erste, woran du denkst, und häufig liegst du damit auch richtig. Allerdings kann die Angst ganz unterschiedlich sein.

Angst vor der Person

Hat dein Kind Angst vor neuen Menschen oder Erwachsenen, kannst du es mit einem Foto und einem Lebenslauf vorbereiten. Viele Fachpersonen haben diese Informationen auf ihrer Webseite, andere schicken sie per E-Mail.

Manchmal kannst du dein Kind auch schon bei der Wahl der Fachperson mitentscheiden lassen. Das ist nicht immer möglich, aber einen Versuch wert.

Eine weitere Möglichkeit ist ein kurzes Telefonat oder Videotelefonat zwischen dir und der Fachperson. Dein Kind hört oder sieht einfach zu, ohne selbst gesehen oder gehört zu werden.

Angst aufgrund von Vorurteilen

Über die Psychologie gibt es eine Reihe von Vorurteilen, die Angst machen können: Psychologen könnten Gedanken lesen, wären selbst „gestört“, und hingehen müsse nur, wer „verrückt“ ist.

Wichtig ist, auf die Ängste und Vorurteile deines Kindes einzugehen und sie nicht einfach vom Tisch zu wischen.

Lautet das Vorurteil „Die können Gedanken lesen“, stimmt das natürlich nicht. Richtig ist aber, dass Fachleute wie ich üblicherweise die Körpersprache lesen und dann etwa sagen: „Ich merke, das macht dich traurig.“ Für Kinder und Jugendliche, die es nicht gewohnt sind, über ihre Gefühle zu sprechen, kann sich das seltsam anfühlen. Manchmal tatsächlich wie Gedankenlesen.

Angst vor den eigenen Problemen

Genau genommen ist es die Angst, die eigenen Probleme vor Augen geführt zu bekommen und sich ihnen stellen zu müssen. Noch genauer: die Angst, abgewertet zu werden oder sich selbst abzuwerten, sobald dein Kind sich seine Probleme eingesteht.

Ist das Selbstwertgefühl ohnehin schon niedrig, kann das dazu führen, dass dein Kind dem Thema lieber ganz aus dem Weg geht. Fachleute nennen das Vermeidungshaltung. Dass es nicht zum Psychologen will, ist dann ein Selbstschutz.

Hier hilft es, das Selbstwertgefühl deines Kindes zu stärken. Es entsteht durch die Erfahrung, etwas zu können, von dem es nicht wusste, dass es das kann: beim Sport, beim Basteln, beim Helfen im Haushalt oder anderswo. Am besten gemeinsam mit einem Menschen, zu dem dein Kind eine starke Beziehung hat. Gibt es so jemanden nicht, ist der Beziehungsaufbau zunächst wichtiger als der Termin in der Praxis.

Angst vor Stigmatisierung

Gemeint ist die Angst, abgestempelt zu werden: Wer zum Psychologen geht, sei gestört, ein „Psycho“, dumm, „nicht ganz richtig im Kopf“. Diese Vorurteile gibt es auch in den Köpfen von Kindern und Jugendlichen.

Es kann helfen, deinem Kind zu erklären, dass es nicht um einen Stempel geht, sondern um eine Lösung für seine Probleme.

Manchmal gibt es auch die Sorge, was andere denken könnten, wenn sie davon erfahren. In unserer Gesellschaft ist diese Sorge leider immer noch berechtigt. Die Schweigepflicht sorgt dafür, dass aus der Praxis niemand darüber Auskunft geben darf.

Für Kinder und besonders für Jugendliche kann es hilfreich sein, schon vorher eine Erklärung für den Freundeskreis oder die Schule parat zu haben, falls jemand fragt, wo sie waren. Ein Zahnarzttermin oder ein privater Termin sind hier sinnvolle Antworten.

Ja, es wäre besser, wenn Kinder keine Ausrede bräuchten. Aber es ist nicht die Aufgabe deines Kindes, gegen Stigmatisierung anzukämpfen. Diese Aufgabe liegt bei Politik, Medien und bei uns Fachleuten selbst.

Manchmal steckt eine Angststörung dahinter

Hat dein Kind eine Angststörung, können starke körperliche Angstzeichen auftreten. Das gilt besonders für eine Sozialphobie, also große Angst davor, von anderen bewertet oder beobachtet zu werden, und für eine generalisierte Angststörung, bei der sich die Sorgen ständig um vieles gleichzeitig drehen. Hier hilft oft Ähnliches wie bei der Angst vor einer neuen Person.

Mögliche Wege:

  • Hausbesuch, um vorab Vertrauen aufzubauen

  • Videotelefonie, Messenger-Kommunikation oder schriftliche Beratung, weil die Hemmschwelle niedriger ist

  • Arbeit mit den Eltern, um Sicherheit zu geben

Manchmal hilft eine Kombination aus allen dreien.

Dein Kind sieht kein Problem

Nicht alle Kinder und Jugendlichen, die aus Sicht der Eltern psychologische Hilfe brauchen, sehen selbst ein Problem. Ein Beispiel aus meiner Praxis:

Die Eltern erzählen mir, dass ihre 13-jährige Tochter nicht auf sie hört und manchmal nachts das Haus verlässt. Sie machen sich Sorgen.

Das Mädchen erzählt mir, dass sie vor allem nachts rausgeht, um eine Freundin zu treffen. Mit ihr kann sie ihre Probleme besprechen.

In diesem Fall haben eher die Eltern ein Problem als das Kind.

Sieht dein Kind selbst kein Problem, bringt eine Beratung für das Kind oft wenig. Dann kann es aber hilfreich sein, mit euch Eltern zu arbeiten.

Schlechte Erfahrungen

Manchmal hat die Ablehnung mit dem zu tun, was dein Kind schon erlebt hat.

Mit früheren Fachpersonen

Hat dein Kind mit einer früheren psychologischen Begleitung oder Betreuung schlechte Erfahrungen gemacht, stellt sich die Frage: Was wird diesmal anders?

Hilfreich ist es, mit deinem Kind konkrete Fragen oder Ziele zu erarbeiten. Im Erstgespräch lässt sich dann klären, wie die neue Fachperson helfen kann.

Anhand dieser Fragen oder Ziele kann dein Kind besser einschätzen, ob es Vertrauen fassen kann. Ist es noch unsicher, könnt ihr auch um Bedenkzeit bitten, bevor ihr weitere Termine vereinbart.

Mit der jetzigen Fachperson

Will dein Kind nach einigen Terminen nicht mehr hingehen, kann das verschiedene Gründe haben:

  • Die Chemie zwischen deinem Kind und der Fachperson stimmt nicht.

  • Dein Kind fühlt sich nicht verstanden.

  • Es erkennt keinen Fortschritt oder Sinn in den Gesprächen.

  • Es fühlt sich nach den Gesprächen schlechter.

  • Das Nachdenken über sich selbst ist unangenehm oder schmerzhaft.

  • Die Fachperson arbeitet schlicht nicht passend für dein Kind.

Bevor ihr einen Wechsel in Betracht zieht, ist ein klärendes Gespräch mit der jetzigen Fachperson sinnvoll. Findet ihr dabei keine Lösung, kann ein Wechsel natürlich die bessere Wahl sein.

Schulstress

Ich beobachte häufiger, dass Jugendliche die Schule über ihre eigenen Bedürfnisse stellen. Sie wollen keine Termine während der Unterrichtszeit wahrnehmen, selbst wenn es ihnen schlecht geht.

Eine Lösung kann sein, den ersten Termin in die Ferien oder auf einen Nachmittag mit weniger schulischem Druck zu legen. Lehnt dein Kind trotzdem ab, kann es sinnvoll sein, mit euch Eltern zu arbeiten.

Freiwilligkeit

Beim ersten Termin muss dein Kind noch nicht „freiwillig“ dabei sein. Schon der Satz „Ich bin nur hier, weil meine Eltern es wollen“ kann ein erster Schritt sein.

Spätestens nach zwei bis drei Terminen sollte sich dein Kind aber selbst für diesen Weg entscheiden. Tut es das nicht, akzeptiere das. Psychologische Unterstützung funktioniert nur, wenn der Mensch, um den es geht, offen dafür ist.

Schritt für Schritt

Hier folgen Beispiele aus meiner Praxis. Sie sollen dir helfen, dich darauf vorzubereiten, wie du mit deinem Kind über den bevorstehenden Termin sprichst.

Was sage ich meinem Kind?

Bewährt hat sich, offen und ehrlich zu sagen, warum du den Termin für notwendig hältst. Keine Tricks, keine zurückgehaltenen Informationen. Du kannst deinem Kind durchaus klar sagen, dass es mitkommen soll.

In diesem Vorgespräch gehst du auch auf Ängste und Bedenken ein und versuchst, gut zuzuhören und zu verstehen. Vielleicht findest du Antworten auf diese Ängste schon weiter oben in diesem Artikel. Wenn nicht, freue ich mich über eine Nachricht.

Das erste Mal

Ich schlage Eltern oft vor, gemeinsam mit ihrem Kind zu kommen. Auch an diesem Punkt ist Freiwilligkeit noch nicht wichtig. Im Warteraum (bei mir muss eigentlich niemand warten) frage ich dann, ob dein Kind lieber allein oder mit Mutter, Vater oder beiden Eltern mit mir sprechen möchte.

Manchmal entscheiden sich Jugendliche kurzfristig um und kommen gleich allein mit. Häufiger habe ich allerdings Mutter und Kind oder die ganze Familie bei mir im Gespräch. In der Regel beginnen die Eltern und versuchen, das Problem zu schildern. Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem dein Kind, das bis dahin unbeteiligt wirkte, mit dem Erzählten nicht mehr einverstanden ist und erklärt, wie es wirklich ist. So liegen gleich beide Sichtweisen auf dem Tisch.

Ob es danach zu einem Einzelgespräch kommt, hängt von der Art des Problems ab. Angenommen, es kommt dazu: Dann bitte ich die Eltern, draußen zu warten, und spreche dein Kind, das jetzt schon etwas freiwilliger da ist, direkt auf die Freiwilligkeit an. Meistens jedenfalls, denn psychologische Begleitung hängt auch stark von der Intuition ab und funktioniert nicht nach Lehrbuch.

„Ich bin wegen meiner Mam hier“

„Ich bin wegen meiner Mam hier“, „In der Schule wurde gesagt, ich soll kommen“ oder ähnliche Gründe höre ich, wenn ich nach der Freiwilligkeit frage. Das nimmt Druck heraus und baut bereits Beziehung auf. Ich lasse die Jugendlichen dann erzählen, warum sie glauben, dass sie geschickt wurden.

Oft erkläre ich dann, dass ich nicht mit ihnen arbeiten werde, wenn sie nicht freiwillig kommen. Aber wenn sie schon einmal da sind, können sie ja einfach ausprobieren, mit mir zu reden. „Und wir machen dann keinen weiteren Termin aus. Erst wenn du einmal darüber geschlafen und es dir überlegt hast, rufst du oder ruft deine Mutter oder dein Vater mich an.“ (In letzter Zeit möchten allerdings immer mehr Jugendliche gleich einen weiteren Termin vereinbaren.)

„Ich löse alle meine Probleme selber“, nannte ein 15-jähriges Mädchen als Grund, warum sie nicht zu mir kommen müsse. „Das finde ich gut“, war meine Antwort, „das zeigt, dass du dein Leben gut im Griff hast und keine Hilfe brauchst.“ Zufriedener Gesichtsausdruck. „Wenn du aber möchtest, kann ich dir einen weiteren Termin anbieten. Dann erzähle ich dir, wie andere junge Menschen ähnliche Probleme lösen. Vielleicht hast du danach noch weitere Ideen für deine eigenen Probleme.“

Sie hat angenommen (das ist nicht immer so). Beim nächsten Termin haben wir nicht über andere gesprochen. Insgesamt wurden es zehn Termine, in denen sie intensiv an sich gearbeitet hat.

Mein Kind kommt nicht mit

Will dein Kind auf gar keinen Fall zum Psychologen, hat es auch keinen Sinn, es zu zwingen. Erfahrungsgemäß führen solche Gespräche nicht weiter.

In einer Familie ist es wichtig, dass sich alle, die zusammen wohnen, dort auch wohlfühlen. Deshalb ist Nichtstun keine Lösung, nur weil dein Kind, um das es vermeintlich geht, nicht kommen möchte.

Ich schlage dann vor, dass du als Mutter oder Vater zu mir kommst, allein oder ihr beide. Gemeinsam erarbeiten wir Lösungen, für die dein Kind nicht in die Praxis kommen muss.

Ziele können dann sein:

  • das Problem deines Kindes verstehen

  • Wege erarbeiten, wie ihr als Eltern unterstützen könnt

  • die Beziehung zwischen euch und eurem Kind gestalten

  • euch Eltern entlasten und ein Netzwerk aufbauen

Auch dieser Weg zeigt in der Regel schon nach wenigen Terminen gute Wirkung. Dass Kinder später doch noch dazukommen, ist wirklich sehr selten. Häufiger wundern sich Eltern, wie viel sie durch Veränderungen im Alltag schon verbessern konnten.

Je nachdem, was bei euch gerade im Vordergrund steht, findest du hier mehr: Mein Kind redet nicht mehr mit mir, Mein Kind schließt sich im Zimmer ein, Meine Tochter verletzt mich ständig, Mein Teenager macht mich psychisch fertig und, wenn sich dein Kind selbst verletzt, Mein Kind ritzt sich – was kann ich tun?.

Onlineberatung als erster Schritt

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