Die Tür ist zu. Dahinter Musik, manchmal Lachen, manchmal gar nichts. Wenn du klopfst, kommt ein knappes „Ja?", und beim Abendessen sitzt dein Kind zwar am Tisch, ist in Gedanken aber schon wieder oben.
Vielleicht ist es auch noch mehr. Dein Kind kommt kaum noch aus dem Zimmer, das Essen nimmt es mit nach oben, und wenn du hineinschaust, wirst du abgewiesen.
Viele Eltern fragen sich dann, ob das noch normal ist. Und was eigentlich hinter dieser Tür passiert.
Ein Raum, der dem Kind gehört
In der Pubertät wird das eigene Zimmer zum Freiraum. Hier kann dein Kind ausprobieren, wer es ist. Rückzug heißt in diesem Alter auch, Probleme selbst lösen zu wollen, ohne die Eltern. Das ist erst einmal gesund. Auch das Handy gehört dazu: Darüber schreibt es mit Freunden, nimmt sich eine Auszeit und beschäftigt sich mit Dingen, die ihm selbst wichtig sind.
Dass Jugendliche mehr für sich behalten, ist gut untersucht. Forschende sehen darin einen Teil davon, selbstständig zu werden (Frijns, Keijsers & Finkenauer, 2019).
Der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott hat beschrieben, dass Menschen lernen, allein zu sein, während jemand da ist. Für Jugendliche ist das Zimmer so ein Ort. Die Tür ist zu, und unten in der Küche klappert jemand mit dem Geschirr. Beides gehört zusammen.
Vielleicht erinnerst du dich an deine eigene Jugend. Die Zeit war eine andere, ohne Handy, vielleicht ohne eigenes Zimmer. Das Gefühl kennst du aber wahrscheinlich: Es gab Dinge, die gingen deine Eltern nichts an. Und manches, was sie gesagt haben, kam dir einfach falsch vor.
Genau darum geht es in der Pubertät. Jugendliche stellen in Frage, was ihre Eltern sagen und wie sie leben. Das ist anstrengend, hat aber einen Sinn. Wer ein eigenes Leben finden will, muss sich ein Stück von dem lösen, was er jahrelang von den Eltern gelernt hat. Dabei helfen Gleichaltrige. Mit ihnen merkt dein Kind, dass die Welt auch ganz anders sein könnte. Neue Ideen entstehen selten aus alten Mustern.
Und dein Kind braucht Ruhe. In diesen Jahren verändert sich viel, auch im Gehirn, und das alles will verarbeitet werden. Manchmal liegt es im Zimmer und tut scheinbar nichts. Vielleicht ist das gerade das, was es braucht.
Was das mit dir macht
Für Eltern fühlt sich das oft anders an. Du klopfst und wirst abgewimmelt. Viele Eltern fühlen sich übergangen oder zurückgesetzt. Das ist in der Pubertät normal, und es darf trotzdem wehtun.
Dazu kommt die Sorge, und sie ist berechtigt. Wenn ein Kind sich zurückzieht und nicht erzählt, wie es ihm wirklich geht, kannst du nie ganz sicher sein, ob mehr dahintersteckt. Heimlich nachzusehen macht diese Ungewissheit nicht kleiner. Eine Studie fand, dass Nachschnüffeln mit weniger Vertrauen und mit weniger Offenheit der Jugendlichen zusammenhing (Hawk, Becht & Branje, 2016). Mehr dazu im Artikel über das heimliche Lesen des Tagebuchs.
Rückzug als Warnsignal
Es ist schwierig zu erkennen, wenn Rückzug etwas anderes bedeutet. Es kann sein, dass es deinem Kind schlecht geht. Eine Studie mit knapp 500 Jugendlichen fand, dass sozialer Rückzug mit Angst und depressiven Beschwerden zusammenhängt (Trick et al., 2016).
Ein Hinweis ist, wovon sich dein Kind zurückzieht. Meidet es vor allem dich, trifft aber Freunde und kommt in der Schule zurecht, ist das meistens Entwicklung. Aufmerksam solltest du werden, wenn auch Schule und Freundeskreis wegbrechen und dein Kind über Wochen niedergeschlagen wirkt. Wie sich eine Depression bei Jugendlichen zeigen kann, beschreibe ich in einem eigenen Artikel.
Manchmal gilt der Abstand auch Eltern, die aus Sicht des Kindes zu viel wollen oder sich zu sehr einmischen. Darüber lässt sich reden, oft sogar recht locker.
Manchmal ist es aber nicht so einfach, über die Beziehung zu sprechen. Es fühlt sich komisch oder falsch an, oder ihr landet bei jedem Versuch im Streit. Dann musst du das nicht allein schaffen. Hol dir Unterstützung für dich als Elternteil, auch ohne dein Kind. Von außen lässt sich oft leichter sehen, wo ihr euch festgefahren habt und was sich verändern kann (Mein Kind will nicht zum Psychologen).
Von der Erziehung zur Beziehung
In der Pubertät verändert sich deine Rolle. Sagen, was richtig ist, und darauf achten, dass es passiert, funktioniert immer weniger. Wichtiger wird, wie ihr miteinander umgeht.
Dazu gehört, die eigene Rolle ein wenig zu hinterfragen, ohne gleich zu hart mit dir selbst umzugehen. Du kannst locker über dich und deine Ideen sprechen, auch darüber, dass du manches vielleicht zu eng siehst. Das macht es deinem Kind leichter zu sagen, was es stört. Oder was für es gar kein Problem ist.
Wie ihr wieder ins Gespräch kommt, beschreibe ich in Mein Kind redet nicht mehr mit mir. Wichtig ist mir noch eines: nicht zu sehr von dir selbst auszugehen. Deine eigene Jugend hilft beim Verstehen, aber dein Kind ist ein anderer Mensch, und es wächst in einer anderen Zeit auf. Was es hinter seiner Tür beschäftigt, weißt du oft nicht. Du kannst dich aber dafür interessieren, ohne es schon zu wissen. Oft ist genau das der Anfang.
Wer begleitet Eltern von Jugendlichen?
Du erreichst mich jederzeit per E-Mail an hallo@trailto.life.



