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Trail to Life· mit Martin
Ein leerer Stuhl auf einer Wiese am Waldrand

Familie & Beziehung3. November 20266 Minuten Lesezeit

Mein Kind redet nicht mehr mit mir

Früher hat dein Kind erzählt, heute kommt nur noch „passt schon". Warum Jugendliche dichtmachen, was Gespräche zum Verstummen bringt und wie du wieder in Kontakt kommst, ohne zu drängen.

Früher kam dein Kind von der Schule und hat erzählt. Ungefragt, durcheinander, manchmal zu viel. Heute fällt die Zimmertür ins Schloss, und auf „Wie war's?" kommt nur ein „Passt schon".

Viele Eltern fragen mich in diesem Moment: Habe ich etwas falsch gemacht? Meistens nicht. Weniger zu erzählen gehört oft zum Größerwerden. Und du kannst einiges tun, damit Reden wieder leichter wird.

Was du jetzt tun kannst

Einmal fragen, dann die Tür offen lassen

Auf „Passt schon" braucht es keine zweite Frage. Sag einfach: „Okay. Ich bin in der Küche, wenn du magst." Dein Kind weiß dann, dass du da bist, und entscheidet selbst, ob es kommt. Mehrere Fragen hintereinander klingen für Jugendliche schnell nach Prüfung, auch wenn du nur Interesse zeigen willst.

Eine Mutter erzählte mir, wie es bei ihnen am Abendbrottisch oft lief. „Wie war's in der Schule?" „Gut." „Was heißt gut?" „Halt gut." „Und mit wem warst du in der Pause?" Nach jeder Antwort ihres Sohnes kam noch eine Frage. „Ich wollte zeigen, dass es mich interessiert."

Was beim Sohn ankam, lässt sich nur vermuten. Wahrscheinlich hörte er darin weniger Interesse als eine Pflicht, Auskunft zu geben, und das Gefühl, dass seine Antworten nie genug sind.

Nebenbei reden

Viele Jugendliche reden leichter, wenn sie dich nicht ansehen müssen. Im Auto, beim Kochen, beim Spazierengehen. Nimm dein Kind zum Einkaufen mit oder frag: „Hilfst du mir kurz beim Gemüseschneiden?" Das Gespräch ist dann nicht das Programm, sondern passiert am Rand.

Kleine Angebote, immer wieder

„Ich mach mir einen Tee, willst du auch einen?" Ob dein Kind sich dazusetzt, entscheidet es selbst. Kleine Angebote, die immer wieder kommen, bewirken mehr als ein großes Gespräch, das du ansetzt.

Zuhören und neugierig bleiben

Erzählt dein Kind doch etwas, hör erst einmal nur zu. Frag nach, statt gleich zu bewerten oder eine Lösung anzubieten: „Klingt nicht so gut?" Oder: „War das okay für dich?" Oder: „Wie fühlt sich das an?"

Der Psychoanalytiker Peter Fonagy nennt diese Haltung Mentalisieren: verstehen wollen, was in einem anderen Menschen vorgeht, statt es schon zu wissen (Fonagy & Allison, 2014). Für dich heißt das: fragen, auch wenn du glaubst, die Antwort zu kennen.

Aushalten, dass nichts kommt

Das ist der schwierigste Teil. Du machst ein Angebot, und es kommt nichts zurück. Dann ist die Aufgabe, da zu bleiben, ohne lauter zu werden. Dein Kind merkt sich, dass die Tür offen war. Auch wenn es heute nicht hindurchgeht.

Warum Jugendliche weniger erzählen

Jugendliche finden heraus, wer sie ohne ihre Eltern sind. Dafür brauchen sie einen inneren Raum, den du nicht betreten kannst. Du bist nur dann ein Teil davon, wenn dein Kind dich hineinlässt.

Eine kanadische Langzeitstudie hat 390 Jugendliche von 12 bis 19 Jahren begleitet. In der frühen Jugend erzählten sie ihren Eltern weniger von sich. Bei Mädchen nahm das Erzählen in der mittleren Jugend wieder zu (Keijsers & Poulin, 2013). Das Schweigen ist also oft eine Phase, kein Endzustand.

Zwei schwedische Studien mit Vierzehnjährigen und ihren Eltern zeigen außerdem: Eltern wissen vor allem das, was ihr Kind ihnen von sich aus erzählt. Nachfragen und Kontrolle bringen weniger als gedacht, und Jugendliche, die sich kontrolliert fühlen, haben eher mehr Probleme (Stattin & Kerr, 2000; Kerr & Stattin, 2000). Was das für heimliches Nachsehen in Handy oder Tagebuch heißt, beschreibe ich im Artikel über das heimliche Lesen des Tagebuchs.

Was trägt, ist die Beziehung. Eine Studie mit über 1.500 schwedischen Jugendlichen fand: Ist die Stimmung zu Hause warm und fühlen sich Jugendliche nicht kontrolliert, funktionieren auch Regeln und Fragen besser (Kapetanovic & Skoog, 2020). Wie du die Verbindung in der Pubertät stärken kannst, beschreibe ich ausführlicher in einem eigenen Artikel.

Es fühlt sich trotzdem wie Verlust an, und das darf es auch. Du verlierst ja wirklich etwas: das Kind, das dir alles erzählt hat. Was entstehen kann, ist eine andere Nähe. Eine, die dein Kind mitbestimmt.

Schweigen als Warnsignal

Nicht jedes Schweigen ist harmlos. In einer niederländischen Langzeitstudie war nicht das wenige Erzählen ein Warnzeichen, sondern wenn Jugendliche Dinge bewusst vor ihren Eltern verheimlichten. Das sagte spätere Probleme wie gedrückte Stimmung voraus (Frijns et al., 2010).

Genauer hinschauen solltest du, wenn mehreres zusammenkommt:

  • Dein Kind zieht sich nicht nur von dir zurück, sondern auch von Freundschaften, Hobbys und Schule, über mehrere Wochen.
  • Die Stimmung ist anhaltend gedrückt oder ungewohnt gereizt, die Freude an fast allem ist weg.
  • Schlaf, Essen oder Schulleistungen verändern sich deutlich.
  • Dein Kind spricht von Hoffnungslosigkeit, davon, nicht mehr da sein zu wollen, oder verletzt sich selbst.

Der letzte Punkt ist nie etwas zum Abwarten. Sprich dein Kind direkt darauf an und hol dir am selben Tag Hilfe, bei Lebensgefahr über den Notruf 112. Was du tun kannst, wenn sich dein Kind selbst verletzt, findest du in diesem Artikel über das Ritzen. Über die Anzeichen einer Depression schreibe ich hier.

Unterstützung, auch ohne dein Kind

Vielleicht denkst du jetzt: Mein Kind redet nicht mal mit mir, wie soll es dann mit einem Psychologen reden? Das muss es auch nicht gleich. Oft ist es sinnvoll, dass zuerst die Eltern kommen. Wenn sich deine Haltung verändert, verändert sich auch die Beziehung. Was du tun kannst, wenn dein Kind nicht zum Psychologen will, habe ich ausführlich beschrieben.

Wenn dein Kind doch kommt, kann es leichter sein, sich einer außenstehenden Person zu öffnen. Meine Erfahrung ist: Sobald die Eltern den Raum verlassen, erzählen Jugendliche oft Dinge, die sie ihnen nie erzählen würden. Mir ist dabei wichtig, dass sie das, was ihr als Eltern wissen solltet, am Ende selbst mit euch teilen. Ich bin da eine Brücke, denn meine Begleitung endet irgendwann. Ihr bleibt.

Und manchmal ist der wichtigste Schritt einer nach innen: vom Reparieren zum Begleiten.

Die Tür bleibt offen

Dein Kind redet nicht mehr so wie früher. Das heißt nicht, dass es dich nicht mehr braucht. Es braucht dich anders: als jemanden, der da ist, ohne einzudringen, und der wartet, ohne aufzugeben. Das Gespräch, das jetzt fehlt, kommt oft wieder. Meistens dann, wenn niemand damit rechnet.


Wer begleitet Eltern von Jugendlichen?


Du erreichst mich jederzeit per E-Mail an hallo@trailto.life.

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