„Du bist so peinlich." „Du hast doch gar kein eigenes Leben." „Ich hasse dich." Manche Sätze sagt deine Tochter im Vorbeigehen, andere schreit sie dir ins Gesicht. Oft ist es gar kein Satz. Es ist ein Augenrollen, wenn du etwas erzählst, oder ein Schweigen beim Abendessen, das den ganzen Tisch füllt. Mit ihrer Freundin am Handy lacht sie, für dich bleibt ein Seufzen.
Du sagst dir, dass das die Pubertät ist. Und trotzdem liegst du abends wach, weil es so wehtut.
Mädchen streiten oft anders
Viele Mädchen werden in der Pubertät nicht handgreiflich. Sie verletzen mit Worten und Blicken, mit Schweigen, oder indem sie dich spürbar außen vor lassen. Eine große Übersichtsarbeit zu Aggression unter Gleichaltrigen fand, dass offene, körperliche Aggression bei Mädchen deutlich seltener ist, die leisen Formen wie Ausgrenzen oder abfällige Bemerkungen aber genauso vorkommen (Card et al., 2008).
Leichter macht es das nicht. Deine Tochter kennt dich so gut wie kaum jemand und weiß, wo deine wunden Punkte sind. Genau dort trifft sie dich.
Oft bekommt es vor allem die Mutter ab. In einer spanischen Studie mit über 1.500 Jugendlichen, die gegenüber ihren Eltern aggressiv geworden waren, setzten Mädchen der Mutter häufiger mit abwertenden Worten und kontrollierendem Verhalten zu (Navas-Martínez & Cano-Lozano, 2023). Das hängt wohl auch damit zusammen, wer im Alltag am meisten da ist. Väter kennen das Gefühl aber genauso.
Was hinter den Sätzen steckt
Deine Tochter muss in diesen Jahren herausfinden, wer sie ist, ohne dich. Das ist schwer, gerade wenn ihr euch nahe seid. Sie braucht dich noch und will dich gleichzeitig loswerden. Je enger die Beziehung war, desto heftiger fällt die Abgrenzung manchmal aus. Ein verletzender Satz schafft Abstand, schnell und wirksam.
Dazu kommt vieles, was du von außen kaum siehst. Der eigene Körper verändert sich, und sie vergleicht sich ständig mit Freundinnen und mit Bildern im Handy. „Du bist so peinlich" kann dann auch heißen: Ich fühle mich gerade selbst so.
Zuhause ist oft der Ort, an dem das alles herauskommt. Bei dir kann sie sicher sein, dass du bleibst, auch wenn sie dich verletzt. Das entschuldigt nichts. Es hilft aber, ihre Sätze nicht nur als Angriff auf dich zu hören.
Vielleicht erinnerst du dich an Sätze, die du selbst einmal deinen Eltern gesagt hast. Die Zeiten waren anders, das Bedürfnis, sich zu lösen, war wohl ähnlich.
Was das mit dir macht
Trotzdem bist du verletzt, und das darf so sein. Viele Eltern fühlen sich zurückgesetzt, manchmal auch beschämt: Wie redet mein Kind mit mir? Was haben wir falsch gemacht? Und da ist Wut, manchmal der Wunsch, genauso hart zurückzugeben. Dafür musst du dich nicht verurteilen, auch nicht für die Momente, in denen du selbst laut geworden bist.
Bringt dich das schon länger an deine Grenzen, lies auch Mein Teenager macht mich psychisch fertig.
Da bleiben, ohne alles hinzunehmen
Der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott hat beschrieben, wie wichtig es für Kinder ist, dass ihre Eltern die eigenen Angriffe überleben. Gemeint ist, dass du da bleibst und dabei du selbst bist. Daran merkt deine Tochter, dass die Beziehung mehr aushält als ihre Wut.
Da bleiben heißt nicht, alles hinzunehmen. Der israelische Psychologe Haim Omer hat dafür den Ansatz der Neuen Autorität entwickelt. Eltern lernen dabei, klar zu sagen, was nicht in Ordnung ist, ohne selbst laut zu werden oder zu strafen. In einer Studie fühlten sich Eltern danach weniger hilflos, es gab weniger Eskalation, und das Verhalten der Kinder wurde besser (Weinblatt & Omer, 2008).
Im Alltag fängt das klein an. Mitten im Streit musst du nichts klären. Ein „Darüber reden wir später" genügt aber meistens nicht, vor allem wenn es bei euch nicht üblich ist, über so etwas zu sprechen. Besser ist ein Zeitpunkt: „Das verletzt mich gerade. Ich komme jetzt erst mal runter und rede nach dem Abendessen in Ruhe mit dir." Das kann auch in zehn Minuten sein oder in einer Stunde. Wichtig ist, dass du es dann auch tust.
In diesem Gespräch musst du nicht erklären, was dich verletzt hat. Frag lieber, was deine Tochter dazu gebracht hat, dich verletzen zu wollen. Zum Beispiel: „Was war vorhin eigentlich los? Ich hatte das Gefühl, du wolltest mich treffen." Dann hör zu. Vielleicht erfährst du etwas, womit du nicht gerechnet hast: dass sie sich vor ihren Freundinnen für dich geschämt hat, oder dass sie sich nicht gesehen gefühlt hat.
Mir ist dabei wichtig, nicht zu sehr von dir selbst auszugehen. Was deine Tochter mit einem Satz meint, weißt du oft erst, wenn du fragst. Und zwischendurch helfen kleine Gesten, die zeigen, dass du sie trotzdem gern hast. Weg von der Erziehung, hin zur Beziehung: Darum geht es in diesen Jahren.
Mehr als Streit
Manchmal droht dir deine Tochter, greift dich körperlich an oder zerstört Dinge, und du hast Angst vor deinem eigenen Kind. Das musst du nicht allein aushalten. Bei akuter Gefahr wählst du den Notruf 112.
Aber auch ohne Gefahr kann es schwer sein, mit der eigenen Tochter über eure Beziehung zu sprechen. Dann hol dir Unterstützung für dich, auch ohne sie. Meine Erfahrung ist, dass sich schon viel bewegt, wenn sich bei den Eltern etwas verändert. Wie das gehen kann, beschreibe ich in Mein Kind will nicht zum Psychologen.
Die Beziehung ist noch da
Deine Tochter verletzt dich, weil du ihr so nahe bist. Das tut nicht weniger weh. Es heißt aber, dass die Beziehung noch da ist.
Auch wenn sie es dir heute nicht zeigt: Hinter den verletzenden Sätzen steckt oft ein Mädchen, das hofft, dass du bleibst. Dass du Grenzen setzt und trotzdem nicht aufhörst, ihre Mutter oder ihr Vater zu sein. Vielleicht merkt sie erst Jahre später, dass du da warst, als es schwer war. Das vergessen Kinder nicht.
Wer begleitet Eltern in schwierigen Phasen?
Du erreichst mich jederzeit per E-Mail an hallo@trailto.life.



